Die Begegnung mit Menschen verändert -
auch der Abschied von Menschen

Wird dieses wichtige Ritual des Abschiedfeierns positiv erlebt und die Chance auf den allerletzten Liebesdienst am Verstorbenen wahrgenommen, so hat das einen großen, heilenden Einfluss auf die kommende Trauerzeit. Es ist die Initialzündung zu einer neuen Ordnung des Lebens der Hinterbliebenen.

 

Als Trauerrednerin erhalte ich von den Angehörigen das Mandat, eine Trauerfeier zu übernehmen. Ich spreche weder im Auftrag einer Religions- noch einer Weltanschauungsgemeinschaft oder einer sonstigen Institution.

Die Trauerrednerin ist neben dem Bestatter ein wichtiger Begleiter beim Ritual des Abschiednehmens. Sie ist eine Interpretin einer Lebensgeschichte. Wie dem Geistlichen wird auch ihr die Biographie eines Menschen anvertraut. Oft übt die freie Sprecherin ebenso eine seelsorgerische Tätigkeit in ihrer Funktion aus. Denn gelingt das Abschiednehmen, ist das der erste wesentliche Schritt der Trauerverarbeitung.

 

Mein persönliches Anliegen

ist es, eine Verabschiedungskultur (wieder) zu finden, die es uns ermöglicht, mit Sterben, Tod, Verlust und Abschied in Akzeptanz zu kommen und bejahend umzugehen.

Wir leben in einer Welt, die niemals schläft, in der Erfolg, Leistung und Spaß bis zur Erschöpfung und hin zum Ausgebrannt sein gefragt sind. Jugendlichkeit, Schönheit und Gesundheit genießen einen hohen Stellenwert. Das Älterwerden ist für viele von uns unattraktiv geworden, wir bemühen uns, die Spuren gering zu halten. Mit Altern, Sterben und Tod wollen wir uns meist nicht auseinandersetzen.

Früher starben die Menschen in der Regel noch zu Hause. Alle Familienmitglieder, vom ältesten bis zum jüngsten, waren dabei - um den Sterbenden versammelt und anwesend - wenn er seine letzten Atemzüge tat.

Heute haben wir das Sterben ausgelagert in Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Hospize. Den Tod wollen wir nicht im Haus haben – er ist uns fremd geworden. Was uns fremd ist, macht uns Angst. Versuchen wir Angst auslösende Situationen zu vermeiden, verstärken wir sie. Stellen wir uns der Angst und schauen ihr ins Auge, wird sie kleiner und lösbar.

Tradition und Rituale kann man nicht zwanghaft wiederbeleben, deshalb ist es wichtig, Altes und Erprobtes wieder zu entdecken, doch auch neue Formen zu finden, in denen wir Halt und Trost finden.

Abschied heißt, die letzte „Besuchszeit“ beim Verstorbenen in der Trauerfeier noch wahrzunehmen. Die Gestaltungsmöglichkeiten nützen, die Person noch einmal lebendig denken. Idealer Weise beginnt für mich eine Trauer-Begleitung bereits im letzten Teil des Sterbeprozesses, so dass ich den Sterbenden über den Tod bis zum Grab begleite, das ist die uralte Funktion des Psychopompus, des Seelenbegleiters.

Das Memento mori mahnt auch uns, als kurz- oder langzeitig Überlebende, an den eigenen Tod zu denken. Der Tod betrifft immer auch die eigene Existenz und er konfrontiert uns mit der eigenen Endlichkeit, auch wenn wir das meist lieber verdrängen. Der Tod ist in jedem Fall unvermeidbar, unverhandelbar. Nichts im Leben ist so sicher wie der Tod.

 

Der schöne Tod?

Wir verleugnen ihn, wir drängen ihn weg, wir tun als wären wir unsterblich. Das ist ganz natürlich und trotzdem ein Fehler. Denn dann trifft der Tod uns umso härter. Doch es geht auch anders. Sterben muss nicht schlimm sein – wenn man sich gewissenhaft darauf vorbereitet.

Um sich auf das Sterben vorzubereiten, um einen guten Tod zu finden, ist es nötig, immer wieder im Leben Bilanz zu ziehen und Inventur zu machen. Sich die wesentlichen Fragen zu stellen, um den Sinn, unsere Aufgabe und unsere Haltung im und zum Leben wahrzunehmen.

Dazu ist es immer wieder wichtig zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben Frieden zu schließen. Das ist keine Sterbe-Aufgabe, sondern eine Lebens-Aufgabe.

Am Ende erst merkt man, wie viel Wert man auf Unwesentliches gelegt hat. Wer gut sterben will, muss vorher gut gelebt haben. Mit sich und der Welt in Frieden sein.